Loch oder Nichtloch, das ist hier die Frage.

Ich stehe in der prallen Sonne am Fuße des 3. Lehnsteigturmes. Mein Vorsteiger will sich am Weg "Noch etwas unentschlossen" für VIIb versuchen und sieht dem Weg entsprechend motiviert aus. Bereits zum dritten Mal sortiert er Exen und Schlingen und redet sich ein "Es müsste eigentlich gehen."

Ich rede ihm gut zu, auf den ersten Blick sieht es zumindest so aus, als könne man lebend den ersten Ring erreichen.

 

Schließlich geht er mit entschlossenem Blick, kurz entschlossen, zum Einstieg des Weges. Ich verfolge seine Schritte und die ersten beiden sehr entschlossenen Züge auf das Einstiegsband. Der weitere Weg scheint klar vorgegeben: Die Anzahl und Anordnung möglicher Griffe und Tritte ist nämlich überschaubar.

 

Er schnappt sich die erste, überhängende Zacke, setzt den Fuß hoch … und kommt zurück. Mit der linken Hand an der Zacke hängend, fummelt er mit Rechts am Gurt und zieht schließlich eine Dynema heraus. Handwechsel. Dynema über die Zacke. Handwechsel. Karabiner (nicht nachsteigerfreundlich) in die Dynema, Seil dazu, Schrauben, Lagecheck, fertig.

 

Mit der linken Hand an der Zacke, setzt er den rechten Fuß erneut hoch, nimmt Schwung, schnappt sich mit rechts eine kleine Platte, zieht sich hoch, linker Fuß hinterher und richtet sich auf. Ich atme erleichtert auf, der kleine Einstiegsüberhang ist geschafft. Zwei Züge weiter ist er am Ring, dieser lässt sich – für sächsische Verhältnisse – gut klippen.

Kaum hängt das Seil in der Exe, brüllt er "Zu!" und sitzt drin. Eine zweite Exe wird dazu gefummelt, dann werden die nächsten Griffe und Tritte in den Blick genommen.

 

"Es sieht so aus, als müsste ich da oben …" er zeigt auf ein kleines Band, etwa 60cm über seinem Kopf "… das Band erreichen." Herrje, denke ich. Das ist hoch."  

Rechts oberhalb vom Ring ist ein Loch. Ich setze an: "Rechts oberhalb …" , doch er unterbricht mich unwirsch: "Lass mich bitte schauen. Ich kriege das schon hin."

 

Ok, ok. Aus Erfahrung weiß ich, dass er das selbst herausfinden muss. Also übe ich mich in Geduld.

Er schaut zu mir herunter: "Ich gehe weiter." Ich nicke und verfolge seine Bewegungen. Rechts hält er eine kleine Leiste, stellt dann den linken Fuß in eine fragwürdige Mulde, den rechten auf eine fragwürde Zacke, drückt sich ab und springt in Richtung Band. Die linke Hand greift ins Leere. Die Füße fliegen von ihren Tritten und er in den Ring. Ich bekomme einen Flug schon mal fast bis zum Einstiegsband. Dann gehen wir in unsere Ausgangspositionen zurück.

 

"So geht es also nicht.", meint er. Ich nicke zustimmend. Dem kann ich nun wirklich nichts hinzufügen. 

Er sortiert Hände und Füße etwas um und versucht das Ganze nun mit dem linken Mittelfinger in einem kleinen Loch, die Füße wieder auf ihren fragwürdigen Tritten. Das selbe Vorgehen, noch entschlossener. Die rechte Hand greift ins Leere, der sich anschließende Flug ist ähnlich. Ich begrüße wieder den Einstiegsboulder, bevor ich mich nach unten in den 

Sand sinken lasse.

 

Ausgangsposition.

Er pendelt sich ein Stück nach links. Der rechte Mittelfinger darf jetzt das Loch testen, die Füße werden auf die Mulde und in eine kleine Delle gesetzt. Er hängt jetzt fast waagerecht links neben Ring. Schauwert hat der Versuch, den Ring zu überklettern auf jeden Fall. Er schnauft vor Anstrengung und stützt sich hoch. Langsam versucht er mit der 

linken Hand das Band zu erreichen und tatsächlich, er bringt die Finger darauf. Die Füße pendeln weg. Ich mache mich für einen weiteren Flug startklar.

 

Doch erhält das Band, bringt den rechten Fuß auf eine winzige Leiste neben dem schönen  

großen Loch und schiebt sich hoch. Ich bin beeindruckt und rufe: "GUT!". Er greift rechts weiter. Dann flippt er urplötzlich aus der Wand, als hätte die ihm einen Tritt verpasst. Ich fliege dieses Mal bis fast zum Ring, kann nochmal die Qualität der bislang ignorierten Loches bestaunen und bin kurz darauf wieder in der Ausgangsposition.

  

Wir spielen das Spiel noch einige Male. Er zieht und fliegt, er springt und fliegt. Ich übe mich in Geduld und lausche derweil den Urlaubsgeschichten, die sich einige der kleinkindbetreuenden Mütter auf den Decken neben mir erzählen.

 

Irgendwann reißt mir dann doch der Geduldsfaden. "Wie wäre es denn, wenn du mal das Loch rechts oberhalb vom Ring nimmst?" 

"Welches Loch?" kommt es ratlos zurück.

 "Na, rechts oberhalb vom Ring in der gelben Fläche …"

 Sein Blick geht nach rechts, Schweigen, dann ein leises "Oh."

 

Dann rauscht das Seil. Kurz darauf höre ich, wie er den zweiten Ring klinkt. Ein weiteres "Oh." kommt vor dem dritten Ring. Ich tippe auf ein Loch. Dann ruft er: "Stand!". 

 

Erleichtert sichere ich aus und bereite mich auf den ersten Ring vor. Ich will es schließlich auch mal ohne das Loch versuchen :)