Agnes und ich bieten jedes Jahr für die DAV Sektion Dresden einen Alpinkletterkurs für Anfänger und (etwas) Fortgeschrittene an. Im Jahr 2025 fand dieser Kurs im Lechtal auf der Steinseehütte statt. Auch dazu gibt es wieder einen Bericht von den Teilnehmern.


Nachschlag statt Steinschlag

von Adam, Ani, Bente, Claire, Fine, Monan & Paul

 


Unsere Tour begann mit einer unerwartet steilen Auffahrt zur Alfuzalm in den Lechtaler Alpen. Von dort aus stiegen wir bei starker Hitze zur Steinseehütte auf. Um 18 Uhr traf die gesamte Gruppe das erste Mal aufeinander, um sich kennen zu lernen und lecker Abend zu essen. Einquartiert waren wir im Winterraum „Dremel Lager“, wo wir glücklich feststallten, dass wir diesen Raum ganz für uns allein hatten. Eine Besonderheit unserer Tour: Der Kurs fand sektionsübergreifend statt – es gab fast genauso viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Dresdner Sektion wie von der Leipziger Sektion. 

Die Hitze des ersten Abends war am nächsten Morgen verflogen als wir bei verregnetem, grauem, kaltem Wetter erwachten. Alle Unternehmungslust musste gezügelt werden und wir stiegen wetterbedingt in die Theorie (Tourenplanung, Zeitmanagement, Topo lesen) ein. Dazu machten wir es uns in der Gaststube gemütlich. Zum Glück war das Wetter auf unserer Seite, sodass wir mittags in das Gelände starten konnten. An den Findlingen, einem gut ausgestatteten Übungsgelände am Fuße der Gipfel, die wir später noch erklettern würden, lernten wir Material und Knoten für den Standplatzbau kennen. Für einige waren Mastwürfe, Halbmastwürfe und weiche Augen noch Neuland. Im Tandem erprobten wir den Ablauf beim Standplatzbau rauf und runter, sodass einige nachts noch davon träumten.

Am zweiten Tag starteten wir in einem Klettergarten, direkt neben unseren Findlingen, in die Höhe, wobei wir unter Beobachtung von drei stoischen Steinböcken standen. Ziel des Tages war, alle relevanten Schritte des Mehrseillängenkletterns zu üben: Vorsteigen, Standplatz bauen, Nachholen, Ablassen, Abseilen. Unsere Übungen wurden jäh durch einen Wolkenbruch gestört. Zum Glück fanden wir Unterschlupf in einer Kalkboofe, wieder an unseren lieben Findlingen. Während der Stein trocknete, schmückten wir jeden auffindbaren Spalt und Riss mit Friends und Keilen, um deren Umgang zu üben. Der Himmel klarte wieder auf und ermöglichte die Fortsetzung unserer Übungen im Klettergarten.

 

 

Glücklicherweise hatten wir dann zwei sonnige Tage vor uns, an denen wir unsere ersten anfängerfreundlichen MSL-Touren erleben und in die Tat umsetzen konnten, was wir gelernt hatten. Eine Gruppe mit zwei Seilschaften begab sich zum Spiehlerturm (Westwand), während die andere Hälfte die Lange Kante am Südwestlichen Parzinnturm stieg. Am Spiehlerturm war die erste Herausforderung, überhaupt den Einstieg zur Tour zu finden.

Erste Erkenntnis: Die Tour beginnt schon mit dem Zustieg.

Ansonsten führten sieben schöne Seillängen zum Gipfel, wo uns ein atemberaubendes Panorama erwartete. Der Spiehlerturm war eine abwechslungsreiche Kletterei mit einfachen Platten, Verschneidungen, Kaminen und ausgesetzteren Stellen. Der Weg nach unten bescherte uns dann vier Abseilpisten mit jeweils 25m Länge sowie einen Schotterabstieg im Absturzgelände. D.h. Konzentration und Vorsicht sind beim Abstieg genauso wichtig wie beim Aufstieg. Nicht zuletzt, um das Steinschlagrisiko zu reduzieren.

Zweite Erkenntnis: „Leise“ absteigen führt sicher zum Ziel.

 

Während der Touren konnten sich die Seilschaften an den beiden Wänden gegenseitig beobachten. Es fiel auf, dass die Parzinnturm-Gruppe offenbar mit Orientierungsschwierigkeiten und ausgeprägter Metallblindheit zu kämpfen hatte. Am Parzinnturm konnte der Einstieg direkt identifiziert werden, jedoch musste schon in der zweiten Seillänge mehrfach die Topo aus der Hosentasche gezogen und mit den Felsstrukturen abgeglichen werden. In der dritten Seillänge überraschte der Berg mit einem zusätzlichen, dem Topo unbekannten Standplatz, der zur Vermeidung von starkem Seilzug (oder auch „Seilzug des Todes“) dankbar angenommen wurde. Danach jedoch wurde ein Standplatz auch mal völlig übersehen und eine 90m-Seillänge kreiert.

 

 

Dritte Erkenntnis: immer flexibel bleiben und bei Verirrungen die Ruhe bewahren – eine Lösung findet sich bestimmt. 

Glücklicherweise konnte mit allen Herausforderungen gut umgegangen werden und alle Kletternden erreichten zufrieden den Gipfel. Am nächsten Tag wurden die Gipfel getauscht. Trotz Vorwarnungen begegneten den Seilschaften ähnliche Problematiken bei Weg- und Standplatzfindung und so durften alle ihre eigenen Erfahrungen machen. Die Abläufe an den Standplätzen liefen jedoch bereits deutlich routinierter ab.

 

 

In diesen vier Tagen haben wir alle viel gelernt – mit steiler Lernkurve und bei wenig Vorkenntnissen – sodass wir nun alle befähigt und motiviert sind, in weitere MSL-Abenteuer einzusteigen. Unser Kurs wurde besonders schön gemacht durch die kompetente und humorvolle Gestaltung durch Agnes und Sophie sowie die harmonische Gruppe. Die Großartigkeit der Küche der Steinseehütte spiegelte sich jeden Abend aufs Neue in der großen Nachfrage nach Nachschlag wider. Vielen Dank an alle Beteiligten für dieses eindrucksvolle, unvergessliche Erlebnis!


Nachwort der Trainerin


Auch unseren nunmehr dritten Alpinkletterkurs haben alle Teilnehmer (mehr oder weniger) unbeschadet überstanden. Nicht nur die Teilnehmer lernen hoffentlich eine gute Menge dazu, auch die Trainerinnen erwerben konsequent Wissen darüber, was bei einem Kurs funktioniert und was eben nicht funktioniert und wie viele Karabiner man eigentlich nun wirklich braucht.

 

Nervenkrieg

Beim Kurs auf der Steinseehütte ging die Challenge bereits bei der Zufahrt zu Alfuzalm los. Dass die Auffahrt zur Alm nicht schön ist, wusste ich ja noch, dass sie aber derart horrormäßig ist und einem Auto ohne Allrad-Antrieb durchaus die Grenzen zeigt, hatte ich entweder verdrängt oder die Qualität der Straße schlichtweg vergessen. So waren wir froh, dass abends alle Teilnehmer zwar noch leicht traumatisiert, aber heil am Tisch saßen.

Tipp: Ruftaxi und das Auto unten lassen.

 

Jacke an, Jacke aus

Die Erkenntnis des ersten Tages beim 30-minütigen Zustieg zum Übungsgelände: Es ist unwahrscheinlich, dass die richtige Anzahl von Schichten bei der Funktionskleidung beim ersten Zustieg auf Anhieb erwischt wird. Fazit: Jacke an, Jacke aus, Fleece aus, Fleece an, Trinkpause und wieder von vorn.

Die Erkenntnis des zweiten Tages beim Zustieg zum Übungsgelände: Es ist genau so unwahrscheinlich wie am ersten Tag, dass die richtige Anzahl der Kleidungsschichten gewählt wird.

Die Erkenntnis des dritten Tages auf den 60 Minuten bis zum Einstieg der ersten Tour: Es gibt noch Nachzügler beim Funktionskleidungs-Try-and-Error.

Die Ansage des vierten Tages: Es! gibt! definitiv! keine! Pause bis! zum! Einstieg!

… und? Läuft!

 

Seil oder Nicht-Seil?

Seilwerfen ist keine Selbstverständlichkeit - oder: Wer wirft schon ständig ein Seil im Klettergarten?

Die Erkenntnis: Das Seil einhändig als Handball-Knäul geworfen ergibt den Mega-Seilfitz.

Die Erkenntnis im zweiten Anlauf: Das Seil beidhändig als Basketball von sich geschleudert ergibt den Mega-Seilfitz … aber wir haben ja eine Prusik.

 

Lemminge oder Kurven im großen Stil

Topo-Lesen und das "Bild auf den Fels übersetzen" muss man üben.

Es ist durchaus interessant, wenn der erste Teilnehmer im Abstieg den auf dem Topo sehr dezent eingezeichneten Rechtsbogen zur nächsten Abseilstelle als riesige Kurve ausläuft, obwohl durchaus ein gerade Abstieg weitaus weniger ausgesetzt, weniger brüchig und deutlich kürzer gewesen wäre und alle anderen Teilnehmer im Gänsemarsch brav hinterher marschieren. Ein gewisser Unterhaltungswert ist von oben betrachtet natürlich nicht von der Hand zu weisen.

 

In jedem Fall hatten auch die Trainerinnen viel Spaß und einen herzlichen Dank an die motivierte und lustige Gruppe.

 

 

Abstieg vom Südwestlichen Parzinnturm und Blick zurück
Abstieg vom Südwestlichen Parzinnturm und Blick zurück