· 

Ernsthaft? Eine Frage der Ethik! - oder wollen die mich verarschen?

 

Ich muss ganz ehrlich sagen, die Streitigkeiten innerhalb des SBB zum Thema Klettern im Elbsandsteingebirge verfolge ich allenfalls am Rande und als Kletterneuling, löst bei mir manche Diskussion einfach nur hektisches Kopfschütteln aus.

Klar: Ich "verstehe ja auch nichts davon" (… ich komme aus dem Erzgebirge und zudem aus dem Reitsport).

Man kann es aber auch so sehen: In gewisser Weise habe ich das, was man "gesunden Abstand" nennt.

 

Spoiler: Der Text ist bisschen länger und nimmt die Gralshüter der Sächsischen Kletterregeln aufs Korn (die "KER" - für Eingeweihte), die eine unfassbare Steilvorlage geliefert haben, so dass ich mal was schreiben "musste". Meine Güte, die KER produziert Protokolle, die hätte Loriot nicht besser schreiben können - nur gefährdet letzterer mit seinen Texten und Denkansätzen üblicherweise keine Menschenleben.

 

Doch beginnen wir am Anfang:

Aller Anfang ist schwer … oder "Wenn de´s ni gannst, musste´s lassn!"

Äußerst merkwürdige Diskussionen also um neue Wege, neue Gipfel, Ringe (auch die gefürchteten nachträglichen und niemals in leichten Routen) … oder gar neumodische, tschechische Klemmgeräte aus Hochleistungstextil begleiteten vor vier Jahren meine ersten Schritte in die sächsische Kletterwelt.

 

Weiß der Geier, wie oft ich komplett ratlos und überfordert mit einem der handelsüblichen - sofern gerade erwerbbar - Kletterführer aus der bunten Reihe vor einer Massivwand stand (die ich damals mitunter für einen Gipfel hielt) und auf meine Bitte um Hilfe durchaus auch mal als Antwort: "Wenn de´s ni gannst, musste´s lassn!" bekam.

Naja, ich habe mich durchgekämpft, bin sehr, sehr viel geklettert in den letzten Jahren, kann nun die bunten Führer im Dunkeln interpretieren, habe unzählige nette und hilfsbereite Kletterer kennen gelernt … und ich helfe allen, die mich fragen. Immer.

 

Ernsthaft!

Tja … und wenn ich die Routen kenne, nach denen sie mich fragen, dann bewerte ich sie auch. Ich bewerte sie hinsichtlich der Schwierigkeit und ergänze eine - individuelle - Einschätzung zur Ernsthaftigkeit. Also teile ich meine persönliche Wahrnehmung zu Absicherbarkeit, Plätzen zum Nachholen, Crux, Sturzgelände oder moralischer Anforderung.

Einer meiner "Lieblings Alpen-Gurus", Markus Stadler, hat sich auf seiner Website viel Mühe bei der Beschreibung von Einflussfaktoren auf eine Ernsthaftigkeitsbewertung beim alpinen Klettern gemacht. Nun kann man der Meinung sein, dass eine solche Bewertung für das Klettern im Elbsandstein "weit übers Ziel hinausschießt" oder entbehrlich ist.

 

Doch nein! Die reine Nennung einer Schwierigkeit sagt längst nicht alles über eine Route aus. Absicherbarkeit, moralischer Anspruch oder Sturzgelände finden in die Schwierigkeit keinen Einfluss, sind aber gerade im Sächsischen und gerade für Anfänger wichtig, da es dort eben keine Bohrhakenleitern gibt.

 

"Die Route ist übersichtlich gesichert."
"Die Route ist übersichtlich gesichert."

Der Ring kommt nach der Crux!

Im Elbsandstein, wo ein Ring vor allem in den unteren Schwierigkeitsgraden eine Seltenheit ist, könnte man schon Gebietsfremden oder Anfängern Hinweise auf die Ernsthaftigkeit einer Route geben. Kletterwege in den oberen Schwierigkeitsgeraden verlaufen in aller Regel schnurgerade an mehreren Ringen vorbei zum Gipfel. Ein Alter Weg (AW) kann sich schon mal gestuft um den ganzen Gipfel schlängeln und am Schluss noch einen fiesen Ausstiegskamin beinhalten. Hinweise zu Routenverlauf, Absicherbarkeit und Sturzgelände sind da überaus nützlich - weil man mitunter den Weg nicht komplett einsehen kann.

 

Nehmen wir beispielsweise den Arymundweg am Hinteren Gansfels: Dort bekommt man den einzigen Ring als "Belohnung", sozusagen nach der Crux. Selbst im AW am Schrammtorwächter ist der schwierigste Zug der Zug zum Ring hin oder auch bei der beliebten Neuerschließung "Exe um Exe" am Sonnenwendstein kommt der spannendste Zug ("interessant" ;)) noch vor dem ersten Ring. Ein angstfreies Ausbouldern der Schlüsselstelle endet da möglicherweise böse auf den Blöcken am Einstieg. Diese Besonderheit findet man beim sächsischen Klettern häufig: Der Ring glänzt erst nach der Schwierigkeit.

Sollte so etwas ein (gebietsfremder) Einsteiger nicht wissen?

 

Anders erklärt sich auch die Beliebtheit des Forums "Teufelsturm" nicht. Dort stapeln sich individuelle Einschätzungen zu den Wegen - da ist natürlich auch alles dabei: Von "Understatement", also: "Der Weg war super easy und ist übersichert" … (mit einer fragwürdigen Schlinge auf 15m oder so) bis "Gerade so überlebt", also: "gefühlt ungesicherte Schlüsselzüge von oben bis unten". Ernsthaft oder nicht? … stellt sich da die Frage!

Ganz offenbar aber eine Frage für die Kommission Ethik und Regeln!

 

KER - Kommission Ethik und Regeln

Eine der sehr seltsamen (nennen wir sie) "Einrichtungen" beim Sächsischen Bergsteigerbund (SBB) ist definitiv die "Kommission Ethik und Regeln", sozusagen die Gralshüterin des Kletterns im Elbsandstein.

Während sich beispielsweise der Durchschnittkletterer (also der, der auf dem AW einmal um den Gipfel muss) über zusätzliche Sicherungsmöglichkeiten einfach freut, Stichwort: Ufos, zettelten die KER und die AGF eine Grundsatzdiskussion dazu an, als ob der Ufo-Erfinder zusätzliche Tritte in die Wege haut oder die Dinger gar als Steighilfe verwendet.

Wie nun? Kein Metall, sondern Stoff, soll verboten sein? Schiffstaue gab es hier um 1900 auch noch nicht und die sind erlaubt! Hä? Klettertradition? Kletterethik? Ethik?

 

Womit genau beschäftigt sich also eine "Kommission Ethik und Regeln", deren "leider" durchweg (sehr) schwer kletternde Mitglieder und Sandsteinurgesteine allein durch den Vorstand des SBB nach Aufruf ausgewählt und ernannt werden (Geschäftsordnung und Mitteilungsblatt, S. 8). Der "Normalkletterer", der mit den oftmals sturzunfreundlichen Verläufen Alter Wege, Ufos und ungesicherten Schlüsselstellen (E3) vor dem Ring kämpft, ist da nicht vertreten.

 

Die Kommission setzt sich also laut Geschäftsordnung mit

  • Fragen im Zusammenhang mit Erstbegehungen (Grundsatzfragen der Anerkennungspraxis, Regelverstöße, usw.)
  • der Bewahrung der Besonderheiten des Sächsischen Bergsteigens bei der Anwendung und Weiterentwicklung der Sächsischen Kletterregeln

auseinander. Insgesamt scheint sie also eine Art "Graue Eminenz" bei der Gestaltung der Sächsischen Kletterregeln zu sein - mit nicht öffentlichen Sitzungen (Hu!) und Protokollen, die es hinterher (zum Glück) im Internet gibt.

 … und die Kommission setzte sich offenbar mehr oder weniger zwangsweise mit dem Thema "Ernsthaftigkeit" auseinander. So findet sich im letzten Protokoll der KER vom 12. November 2019 unter TOP 6 tatsächlich folgender Absatz:

 

"RE verweist auf seinen Wunsch eine Bewertung zur Ernsthaftigkeit (ähnlich aktueller Kletterführerliteratur anderer Gebiete) einzuführen. (1) Es wird über verschiedene Onlinedatenbanken gesprochen, die diesen Ansatz bereits in unterschiedlichen Varianten und Ausprägungen verfolgen. (2)

UD berichtet kurz über die Möglichkeiten der existierenden Bergsportdatenbank und dass der SBB die technische Möglichkeit dazu hätte. (3) UD vermutet, dass Helena Graf nicht ohne Grund in diesem Umfang über Risiko und Unsicherheit gesprochen hatte. Eine Kernaussage war, dass Ethiker das Anliegen haben, eine Situation der Unsicherheit in eine Situation des Risikos zu überführen. (4, 5)

UD fordert RE auf ggf. unter Einbeziehung von Helena Graf zu prüfen, ob sich die Einführung einer solchen Bewertung zur Ernsthaftigkeit auf die Frage der Ethik zurückführen lässt. (7) UD regt RE an, ein Positionspapier zu erarbeiten (Rückführung auf das Thema Ethik, Formulierung eines Zieles, Skizze eines Arbeitsauftrages, zu beachtende Problemfelder, Grobskizze einer technischen Umsetzung) und dies in die KER zu geben. Die KER könnte dann dem Vorstand empfehlen, eine entsprechende Projektgruppe zu gründen." (5, 6)

 

 

Wtf?!?!?

Was bitte ist das denn für eine Kommission, die ernsthaft mit solchen Phrasen ("Politikersprech für Kletterer") ein ernstzunehmendes Thema buchstäblich zu Tode verwaltet?!

 

(1) Stimmt, Kletterführerliteratur anderer Gebiete beinhalten die sogenannten E-Bewertungen (insbesondere viele der bei Panico erschienenen Führer) - demnach auch der Auswahlkletterführer "Elbsandstein - plaisir" für die Sächsische Schweiz von Helmut Schulze - dieser wird natürlich von der KER gleich mal ignoriert, schließlich ist weder die Idee zur E-Bewertung noch die Bewertung selbst auf ihrem Mist gewachsen (ähnlich wie Ufos, die man durch die Macht des Faktischen nun tolerieren muss). Unzweifelhaft enthält der Plaisirführer aber ganz ohne KER-Positionspapier und Machbarkeitsstudie bereits eine solide E-Bewertung und die finde ich als fortgeschrittener Anfänger gut! Das kann man also ignorieren, muss man aber nicht - schließlich wurden die Bewertungen nicht ausgewürfelt.

Auch in den Kletterführern von Jürgen Schmeißer sind ohne konkrete E-Einstufungen schon Hinweise auf die Ersthaftigkeit der einen oder anderen Route enthalten - auch die sind für Anfänger und Gebietsfremde hilfreich.

 

(2) Stimmt, Onlinedatenbanken (z.B. Sandsteinklettern oder Teufelsturm) enthalten - mit den oben genannten Einschränkungen - Bewertungen oder Einschätzungen zur Ernsthaftigkeit. YES: Willkommen in der Wirklichkeit liebe KER! Das Schwarmwissen kennt keine KER und ihre vermeintliche Platzhirschfunktion zur sächsischen Kletterethik, zur Bewertung von Schwierigkeiten oder der Deutung historischer Kletterregeln. Hier wird man eben mal fix rechts überholt.

 

(3) Bergsportdatenbank des SBB? Also auch nach einer intensiven Recherche auf der Webseite des SBB, kann ich beim besten Willen eine solche geheimnisvolle Datenbank nicht finden. Die Datenbank selbst klingt nach einem Eldorado für Informationssuchende, Suchende neuer und alter Wege oder vielleicht neuer/nachträglicher Ringe? Warum also ist diese Datenbank nicht für alle zugänglich?  Warum werden diese Informationen Kletterern vorenthalten? Warum eigentlich (wenn man schon mal drüber nachdenkt) darf ich nicht die eingereichten Anträge auf neue Wege, auf nachträgliche Ringe oder Schwierigkeitsänderungen sehen? Während meines ersten Kletterjahres, gab es diese Informationen teilweise noch auf der Seite zu finden. Mittlerweile ist sie nicht mehr vorhanden oder extrem gut versteckt.

 

(4) Achja: Ethik beim Klettern … Was genau ist das denn nun? Offenbar weiß das die KER selbst nicht so genau, wenn man die Ausführungen im gesamten TOP 6 dazu liest. Eine Kommission auf Selbstfindung? Wichtig scheint aber zu sein, dass die AG Felsklettern die Entscheidungen der KER allenfalls vorbereitet (Wasserträger!) niemals aber selbst trifft … stimmt - in der Logik logisch, weil an der AG Felsklettern jeder teilnehmen darf, der Lust darauf hat - also auch die, die in den Alten Wegen an ungesicherten Schlüsselstellen kämpfen und nicht mit lediglich ein paar Exen und der obligatorischen Bandschlinge in diverse Magische, Neue, Freie oder andere Lot-Linien einsteigen können.

 

(5) "Ethiker haben das Anliegen eine Situation der Unsicherheit in eine Situation des Risikos zu überführen."

Oha, da wird die Keule der Risikoethik herausgeholt und das Selbstverständnis als "Ethiker"? Meine Güte! Also ehrlich, wenn auf einem derart abstrakt hohen Niveau über Handlungsoptionen philosophiert wird, dann sollte  man sich der damit sich selbst zugestandenen Verantwortung nicht dadurch entziehen, dass man mal ein "Positionspapier" erarbeitet, ob man dafür dem Grunde nach zuständig und ob so etwas sinnvoll ist!

Sondern, man sollte bei der damit verbundenen Ja-/Nein-Frage nicht zögern, einer kletternden Person alle (möglichen) Informationen über das damit verbundene Risiko zur Verfügung zu stellen!

Was denn, wenn die Frage nach einer E-Bewertung dabei in "Unzuständigkeit" oder gar "Ablehnung" mündet?

Das Stichwort heißt Verantwortung - nicht nur für die Tradition des sächsischen Kletterns, sondern auch für die Personen, die diesen Sport ausüben. Allein die Festlegung einer E-Bewertung für einen Weg verändert längst keine sächsische Kletterregel. Keine einzige! Doch sie stellt Information dar - oftmals leider ein Monopol der ortskundigen Kletterer.

 

(6) Genau: Positionspapier? Das kann doch nicht wahr sein!

Während die E-Bewertung in Foren (Punkt 2) und einigen Führern (Punkt 1) bereits gelebte und offenbar gewünschte Realität ist, erarbeiten die "Ethiker"/ein "Ethiker" zunächst ein Positionspapier? Ein Papier, in dem dann gegebenenfalls/ möglicherweise/ eventuell/ vielleicht die Gründung einer Projektgruppe dazu vorgeschlagen wird.

Was wird diese tun?

Vom Vorstand oder der KER ernannt (?), setzen sich dann gebietskennende, 10-er kletternde Schlingenprofis mit ungesicherten Schlüsselstellen im V-er-Bereich auseinander und geben gebietsfremden, schlingenunkundigen Klettergästen einen Hinweis zur Ernsthaftigkeit der jeweiligen Route?

(Im Sinne von E1: "Hier liegt doch eine 5,5er Kevlar als Sicherung, wenn ich den hinteren Einzelstrang  belaste und sie mit zwei 8er-Knoten im Querriss verspanne. Ich muss natürlich darauf achten, dass der linke 8er-Knoten sorgfältig mit dem Riss-Spatel gelegt und beim rechten Knoten der brüchige Teil ausgespart wird."  … oder mit anderen Worten: "Wenn de´s ni gannst, musste´s lassn!")

Übertrieben? Nein!

Solche Tipps erhielt ich tatsächlich und den väterlich-ergänzenden Hinweis, dass damit die Schlüsselstelle doch wirklich super gesichert sei. Hallo? Kevlar, Hinterer Strang, Verspannen, brüchige Stelle … klar: Super offensichtlich für jemanden, der sich erstmals in die sächsische Schweiz wagt.

 

(7) Wer bitte ist Helena Graf? … und wieso wird sie daran beteiligt zu entscheiden, was ich beim Klettern über Wege erfahren darf oder nicht? Eine Frage der Ehre, der Ethik oder gar der Ästhetik? Klar, ein Kletterer mit Nähmaschine an der Schlüsselstelle ist sicherlich kein schöner Anblick (vor allem für den Sichernden).

 

> Also, liebe Helena, ja, ich will das Risiko und nicht die Unsicherheit!

Tu mir einen Gefallen und erkläre der KER, dass die Ja-/Nein-Entscheidung, die es hier zu treffen gilt, durchaus Menschenleben retten kann (oder wenigstens einige Nerven). Denn offenbar haben die durchweg klugen und umsichtig kletternden Mitglieder der KER zu Gunsten der geheimnisvollen, moralisierenden Gruppendynamik der Kommission und der damit verbundenen "Macht" - ich will es mal nicht bösartig "'Wissens- und Deutungs-Monopol" nennen ;) - ihre Einzelintelligenz irgendwie beerdigt oder wenigstens vorübergehend schlafen gelegt.

 

Einen letzten Gedanken kann ich mir nun nicht verkneifen:

Im SBB-Mitteilungsblatt Q1/2019 wird auf S. 13 (Helena Graf war wohl Zeuge :) ) festgestellt, dass Kletteranfängern oder Gebietsneulingen Hilfestellung gewährt werden soll - durch Informationen (YES!) und auch von der "Idee", eine Liste mit gut abzusichernden Wegen herauszugeben, ist dort zu lesen (YES!).

 

Nichts anderes korreliert mit einer E-Bewertung und wenn man dann noch als SBB ehrlich wäre und die Ergebnisse der im Mittelungsblatt beschriebenen "Ideen" auch ernst nähme, würde man feststellen, dass der Kletterführer "Elbsandstein Plaisir" genau das bereits tut - ganz real und ganz weit weg von einer bloßen Idee … und genau das wird benötigt - auch damit der die Tradition respektierende (und überlebende!) Kletternachwuchs im Elbsandstein erhalten bleibt.

 

Meine Güte!

Jetzt stopfe ich erstmal einen Haufen Ufos in meinen Kletterrucksack und vertrete die künftig Position:

Traue keinem, der nicht wenigstens einen Sack in einer sächsischen I, II oder III hängen hat, eine sinnvolle E-Bewertung zu ;)