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Dauerfeuer! Skidurchquerung Tuxer Alpen

Unter Feuer – Skidurchquerung der Tuxer Alpen

(26. Februar bis 3. März 2023)

 

1. "Etappe": Anreise

Wir starten früh – gefühlt mitten in der Nacht – noch zu viert (Mike, Kerstin, Ronny und ich) in Dresden. In Google-Normzeit erreichen wir mit dem "Skitaxi Kühnel" den Bahnhof in Jenbach, unser erstes Etappenziel. Dort lassen wir den Bus in der Nähe des Bahnhofs stehen und fahren mit dem Regionalexpress der Österreichischen Bundesbahn nach Matrei am Brenner (Tipp: Ticket online buchen, am Schalter kostet es etwa 15% mehr).

 

Der Switch in den öffentlichen Minibus nach Navis gelingt uns sprintend nahtlos und so kommen wir 15.30 Uhr im Gasthof Eppensteiner an. Dort empfängt uns Paul mit der Frage, ob wir in die Sauna wollen und die Wirtin mit der Frage nach dem Essen. Es geht gut los!

 

2. Etappe: Tour zur Lizumer Hütte – Never-ending Gratwanderung

(1.800 Höhenmeter, 15,5 km)

Den Gasthaus-Luxus am Vorabend bezahlen wir heute mit zusätzlichen 300 Höhenmetern Aufstieg – nämlich bis zur Naviser Hütte (dort war keine Übernachtung möglich). Während wir am Beginn der Rodelbahn auf Anna und Christoph warten, zieht ein Schneemobil stapelweise Schlitten zur Naviser Hütte. Schade, dass ich meinen schweren Rucksack nicht als Schlitten tarnen kann.

 

9.00 Uhr starten wir nun auf rund 1.400m zu siebt unseren Aufstieg. Geübt schlurfen wir über die Naviser Hütte zur Stöcklalm und steigen tapfer und steil zum Kreuzjöchl (2.536m). Mittlerweile sind wir in dichten Nebel gehüllt. Das erhoffte Panorama erweist sich als rein-weiße Wand und so mäandern wir auf dem als Grat ausgewiesenen Weiterweg in Richtung Lizumer Geier (2.857m) etwas unelegant umher. Doch die Sonne ist stärker und so lichten sich die Wolken schrittweise und geben das atemraubende Panorama auf die Lizumer und Hintertuxer Alpenwelt frei.

 

Vom Kreuzjöchel zum Geier - Gratwanderung
Vom Kreuzjöchel zum Geier - Gratwanderung

 

Der Grat – wer hätte das gedacht – entpuppt sich natürlich keineswegs als der gemütlich stetige Anstieg zum Geier, sondern vielmehr als Geeier in wildem Auf und Ab, neben, über, in und unter riesigen Wechten. Spannend kann man wohl dazu sagen: Rechts der Abgrund, links das Truppenübungsgelände mit aggressiv wirkenden Warnschildern. Gratwanderung im wörtlichen Sinne.

Gipfel des Geier, Lizumer Alpen
Gipfel des Geier, Lizumer Alpen

Ein steiler, verharschter Anstieg unterhalb einer bedrohlich wirkenden Felsformation leitet das Finale der Gratwanderung ein. Zu spät fällt mir (und anderen ein) ein, dass es ja so etwas wie Harscheisen gibt – doch da stehe ich bereits auf Abpfiff in einer Querung, über mir glänzen in regelmäßigen Abständen ungenutzte Sicherungsösen für den (vorbereiteten) Bergsteiger. Danach geht es etwas gemütlicher am Staffelsee vorbei die letzten zähen Höhenmeter hinauf zum Geier (2.857m). 15.45 Uhr knipse ich das erste Gipfelfoto.

 

Wir bestaunen das Gipfelpanorama, bauen um, dann fahren wir über das Geierjoch 900 Höhenmeter bis zur Lizumer Hütte ab. Kaum zu fassen: Doch es ist feinster, nahezu unverspurter Powder, der uns bei LWS 2 erwartet. Während ich mich noch etwas verhalten an den Schnee heran taste, zünden Anna, Mike und Christoph ein wahres Feuerwerk an spritzigen Fahrkünsten. 17.00 Uhr erreichen wir die Lizumer Hütte. Noch bevor das Lager bezogen wird, zischen die ersten Hopfengetränke die trockenen Kehlen hinab.

 

 

Vollsperrung - oder: Unter Feuer!
Vollsperrung - oder: Unter Feuer!

 

3. "Etappe": Ruhetag – Unter Feuer

(700 Höhenmeter, wenige Kilometer im Kreis)

8.30 Uhr stehen wir staunend vor der Hütte. Dort zeigt uns eine interaktive Karte mit knallroten Lämpchen, dass so ziemlich alle Tourenideen für heute wegen militärischer Übungen (?!) gesperrt sind. Wir erfahren später, dass sich Soldaten aus aller Welt auf die berühmte, alle zwei Jahre stattfindende, "Edelweiß-Raid" vorbereiten. Das würde ich jetzt mal Pech nennen.

Also stapfen wir halbwegs motiviert bei bestem Schnee und Wetter in Richtung Mölsener Sonnenspitze, dieser Gipfel scheint nicht unter Beschuss zu sein.

 

Unseren Aufstieg begleiten Salvenschüsse und Dauerfeuer aus gefühlt allen Richtungen der umliegenden Zirbenwälder. Hubschrauber kreisen dicht über uns und sprengen an den umliegenden Gipfeln alles an Schnee, was ansatzweise gesprengt werden kann. Eine 6-er Gruppe Soldaten rast am aufgereiht am Seil beherzt die Fahrstraße hinab und ein bisschen fühlt man sich wie im Krieg.

 

Unterhalb der Klammspitzen entdecken wir eine perfekt geformte, perfekt mit Schnee gefüllte Flanke. Daneben machen sich zwei Soldaten in Tarnkleidung etwas unbeholfen an einer Art Aufstieg zu schaffen. Wir nicken uns zu und biegen in Richtung Klammspitzen ab. Pflichtbewusst fragen wir die beiden Soldaten, ob wir die Flanke befahren dürfen, diese nicken freundlich (und haben vermutlich kein Wort verstanden, denn später stellt sich raus, dass das Asiaten waren).

 

Waffenstillstand auf der Mölsener Sonnenspitze
Waffenstillstand auf der Mölsener Sonnenspitze

Oben mahnt Mike uns zum vorsichtigen Befahren der Flanke und noch bevor sein Satz "Ich fahre als Letzter." verklungen ist, stürzen sich Mike und Christoph praktisch synchron in den weichen Pulverschnee. Na soweit dazu – wir stürzen hinterher. Leider ist der Spaß nach 100 Höhenmetern vorbei. An der Mölsener Sonnenspitze entdecken wir eine ähnlich schöne Ostflanke, auch diese ist recht schnell geknackt und glücklicherweise sieht die ohnehin gesperrte Abfahrt nach Süden auch gar nicht einladend aus.

 

Etwas unschlüssig stehen wir wieder auf der Fahrstraße, 700 Höhenmeter Aufstieg erscheint uns etwas mager. Wir beschließen wenigstens noch den unteren Teil der sagenumwobenen "Sonntagsrinne" zu befahren, auch auf die Gefahr hin, dass wir von einer Salve oder 6-er-Gruppe erwischt werden. Es gelingt uns praktisch ungesehen in den dann leider wenig attraktiven Schnee der Sonntagsrinne einzubiegen und rutschen mehr oder weniger ausgelastet zur Hütte zurück.

 

 4. Etappe: Tour zur Weidener Hütte – Der Weg ist das Ziel!

(1.300 Höhenmeter, 13,3 km)

Heute findet die Edelweiß-Raid statt. "Na toll!"

Wir werden vom Hüttenwirt und den aggressiven roten Lämpchen auf der Karte aufgeklärt, dass unser Weiterweg (zumindest nicht ohne größere finanzielle und sonstige Ärgernisse) nicht wie geplant über die Torspitze und deren Bilderbuch Nordabfahrt möglich ist. Wir müssen das Wettkampfgebiet umfahren. "Na toll 2!" 

 

Also rutschen wir rund 350 Höhenmeter erst einmal in Richtung Tal quer durch das Militärgebiet hinab, um aus dem Sperrgebiet rauszukommen. Als wir uns an den Hubschraubern vorbeischlängeln werden wir argwöhnisch von Soldaten unklarer Rangordnung beäugt. Immerhin finden wir eine überwiegend gut fahrbare Strecke durch den Wald. Richtig, die Höhenmeter müssen wir natürlich dann auch wieder hoch. Also steigen wir bei gefühlten 30°C im Schatten zum Krovenzjoch auf. Im tiefen, fluffigen Powder geht es auf der anderen Seite ins Tal hinab. Eigentlich wollen wir zum Waxen aufsteigen, im Powderrausch verfehlen wir den Abzweig und kraxeln dann von weiter unten eine schneegefüllte Flanke zum Grat hinauf, bei der einem das Ski-Wasser im Mund zusammenläuft (und der Schweiß von der Stirn).

Wechte am Krovenzjoch: "Drop in Powder"
Wechte am Krovenzjoch: "Drop in Powder"

 

 

Dann geht es wieder los: Neverending Grat! Immer wenn man denkt, man hat den Zielgipfel (heute das Hobarjoch) erreicht, kommt ein neues Stück Grat, Senke, Wechte oder Anstieg um die Ecke. Auch das von vermutlich wohlmeinenden Bergfreunden aufgestellte Gipfelkreuz auf einer deutlichen Erhebung ist leider längst nicht das Hobarjoch (wir feiern trotzdem kurz), sondern nur eine Art Vorgipfel und so geht es munter weiter auf einer Wechte zum höchsten Punkt der Tagestour.

Powderspaß am Krovenzjoch
Powderspaß am Krovenzjoch

 

Dort haben die Powdernasen Mike und Christoph wieder eine hervorragende Abfahrt mit gutem Powder entdeckt, wie üblich schlagen sie sich um die "First Line" und so geht es 700 Höhenmeter ohne "Kampfwald-Option" hinab zur Weidener Hütte. Während man von der Lizumer Hütte vom Essen etwas verwöhnt war, kommen hier leider einige Fertigkomponenten zum Einsatz und der Nachtisch (eine Art Bienenstich) hat eine solide Störschicht, die beim ersten Gabelstich auch sofort ein Kuchenbrett auslöst. Auf Nachschlag hat dann irgendwie keiner Lust. Draußen an der Hütte schallt tatsächlich bis 22.00 Uhr Apres-Ski-Musik durch die Bergwelt.

Das wäre Ihr Preis gewesen: Torspitze und never-ending-Grat II
Das wäre Ihr Preis gewesen: Torspitze und never-ending-Grat II

 

5. Etappe: Tour zur Rastkogelhütte – Wo ein Wille ist, ist ein Grat!

(1.500 Höhenmeter, 12,5 km)

Ein Novum: Während wir auf der 4. Etappe quasi mutterselenallein durch die Schneewelt der Tuxer Alpen getourt sind, begleiten uns heute gefühlt ganze Schulklassen beim ersten Aufstieg in Richtung Nafingköpfel. Hier verfehlen wir trotz aller moderner Navigationshilfen das Ziel ganz prächtig. Nach einer wilden Querung, geht es dann wieder allein unterhalb vom Gipfel hinab in Richtung Nurpensbach und dort – Déjàvu – wieder einen steilen, satt pulvrigen Hang hinauf zum Nurpensjoch.

 

Heute ist allerdings Katha dabei, eine Studienfreundin von Anna, die sich als Schnellspurmaschine erweist. Nach an sie deutlich ausgesprochenem Steighilfenverbot sind die Spuren auch wirklich brauchbar und haben nicht mehr "Berchtesgadener" Charakter, also ziehen nicht mehr kompromisslos steil bergauf.

 

Suchbild: Finde Skibergsteiger!
Suchbild: Finde Skibergsteiger!
Gratwanderung II ... und das schöne "Panama"
Gratwanderung II ... und das schöne "Panama"
Klettern, Eiern, Queren - Mike dirigiert
Klettern, Eiern, Queren - Mike dirigiert

Am Nurpensjoch staunen wir einen recht unzugänglich wirkenden Grat in Richtung Rastkogel an, der nur einen knappen Kilometer vor uns aufragt. Als Mike beginnt aufs Tempo zu drücken, merken wir, dass die Lage irgendwie ernst ist. Dann arbeiten wir uns gute zwei Stunden stückweise am Grat ab. Skipassagen und Kletterstellen wechseln sich ab. Stapfen, Hangeln, Tragen, Eiern, Schwitzen ... alles dabei. Zum Schluss knackt Christoph noch den uneinnehmbar wirkenden Gipfelanstieg mit einer soliden Spur.

 

Wir haben das Tages-, ja irgendwie Wochenziel erreicht. Ein schönes Panorama belohnt uns für Grate, Wechten und steile Anstiege. Nun warten wieder knapp 900 Höhenmeter herrliche Abfahrt auf uns. Im dicken Powder rangeln Anna, Christoph und Mike (der eigentlich den Schlussmann machen wollte) um die beste Spur. Auf den Abfahrtsspaß folgen noch rund 200 Höhenmeter Gegenanstieg zur Rastkogelhütte.

 

Die Hütte erweist sich als speziell. Punkt 18.30 Uhr werden wir mit einer Monsterglocke zum Abendessen gerufen, Nachschlag zum leckeren Essen gibt es nicht ("Drei Gänge seien ausreichend und überhaupt hätte seit zwei Jahren noch niemand danach gefragt") ... die Duschmarke kostet stolze 5 Euro und in Trinkblasen muss man den Marschtee selbst einfüllen, damit sich die Hüttenwirtin die Finger nicht verbrennt. Dafür sind die Betten exzellent und es gibt keine Apres-Ski-Musik-Beschallung.

 

 

Rastkogel!
Rastkogel!

 

6. Etappe: Zurück nach Jenbach – Wir sehen: Nichts!

(850 Höhenmeter, 9,5 km)

Am nächsten Morgen erwarten uns dicke Wolken bei Null Sicht. Der Plan Rosskogel wird in den kürzeren Kraxentrager geändert. Wir steigen etwas unkoordiniert auf den Grat zum Kraxentrager. Dann gibt es eine Abfahrt im vermutlich schönen Schnee, doch wir sehen keine zwei Meter weit. Paul navigiert uns mit moderner Technik im White-Out zielsicher an Abhängen, Felsrücken und Löchern (zumindest fast alle) vorbei in einen letzten Hang mit – auch ein Novum – dickem Bruchharsch. Uff. Endlich stehen wir auf der Rodelbahn in Richtung Hochfügen.

Hier teilt sich die Gruppe. Anna, Mike, Christoph und ich rutschen (verbotenerweise) die Rodelbahn mit Ski hinab. Kerstin, Ronny, Paul hängen noch ein paar Schneetage ran.

 

Der Rest ist wirklich ätzend. Wir warten gefühlt in mitten einer Ski-Party auf den Bus ins Tal, während wir schlechten, teuren Kaffee (ich) und teures Bier trinken. Im Bus sitzen wir gemeinsam mit gut alkoholisierten Skifahrern dicht gedrängt zusammen. Die Zillertalbahn ist nett und 17.02 Uhr kann ich – nach dem obligatorischen Kauf aller verfügbaren Vinschgauer in Jenbacher Bäckerein – in den Eurocity steigen.

München – Leipzig – Dresden in 6:30 Stunden.