Hände aus den Taschen - oder Munro-Bagging deluxe

Inaccessible Pinnacle, "The In Pin"
Inaccessible Pinnacle, "The In Pin"

Das Wetter ist prächtig, es ist zweifellos das beste Wetter, seit wir in Schottland angekommen sind!

 

Mein Ziel wäre der Sgurr nan Gillean - ein recht stolzer Munro in den Cuillin Hills im Süden der Isle of Skye. Leider hat Tim dazu einige Tourenberichte im Internet gefunden - die Autoren übertreffen sich beeindruckend mit Superlativen in der Beschreibung der Krassheit, Ausgesetztheit, Schwierigkeit und überhaupt. Jedenfalls wird dieser Gipfel kategorisch abgewählt.

 

Mein Ersatzziel für Top-Wetter: Inaccessible Pinnacle. Ein keckes Horn inmitten anderer, anstrengend zu erreichenden Munros in den Cuillins. Doch angesichts der Panik, die Tim beim Anblick des Seils erfasst (die Berichte zum Sgurr nan Gillean waren nachhaltig), lasse ich das bleiben - wir wollen ja beide Freude am Bergsteigen haben 😎😎

 

Wir starten also gg 10.30 Uhr zum Sgurr Dearg (sprich: Sgur Dschereg - der "Rote Berg") - ein Munro in den Cuillin Hills, 977m hoch. Für den Aufstieg haben wir den aussichtsreichen Weg über den Loch an Fhir-bhallaich und den Gletschersee Lochan Coire Lagan gewählt. Am Gletschersee, der in einem Kessel mit steil aufragenden Schotterkegeln liegt, treffen wir auf etliche andere Menschen.

 

Dort trennen sich die Wege der Bergsteiger und Wanderer. Für uns geht es nun aus dem Kessel rund 200 Höhenmeter einen gigantischen Schotterkegel steil hinauf.

 

Es ist irre anstrengend, ständig rutschen wir samt losem Schotter wieder Richtung Tal. Dafür werden die Ausblicke immer wunderschöner.

Je weiter wir aufsteigen, umso mehr Bergsteiger (hier heißen sie "Hillwalker") entdecken wir auf den umliegenden Munros. Wie die Ameisen turnen überall bunte Punkte herum.

 

Um genau zu sein, es ist ein bisschen wie in einer Rushhour! Kaum haben wir den Grat-Sattel zum Sgurr Dearg erklommen, sprinten viert nur leicht bepackte Bergsteiger in knallbunten Kletterhosen an uns vorbei: "Let's try the next two!" und verschwinden in einer Scharte.

 

Wir machen große Augen, als sogleich die nächsten beiden Hillwalker, diesmal mit Seil und Helmen, um die Ecke kommen. Sie hatten den Sgurr Alasdair bestiegen und wollen nun fix zum Inaccessible Pinnacle. Von dem sich am Grat anschließenden Sgurr Mhic Choinnich springen bereits fünf weiter Personen und kommen zielgerichtet auf uns zu. Wir tippen auch hier auf den The In Pin als nächstes Ziel.

 

Neben uns turnt ein Pärchen eine Verschneidung hinab und verschwindet in Richtung Sgurr Mhic Choinnich.

 

Hm ... 

Tja, was soll ich sagen?

Es scheint als hätten Heerscharen von Bergsteigern und Munro-Sammlern nur auf diesen Tag gewartet, um dann hektisch alle auf dem Grat liegenden Munros einzusammeln ... und das sind einige, doch wenn man schon mal oben ist? Nunja, wer, wenn nicht der sächsische Gipfelsammler kann das verstehen?  ;)

 

Wir klettern die Verschneidung (UIAA-Grad III) hoch, aus der das Pärchen gekommen ist. Dort vermuten wir den Weiterweg zu "unserem" Sgurr Dearg - denn Markierungen, Sicherungen oder Steinmännchen sind hier unüblich. Der schottische Scrambler mag es rough und plain und sucht nach Begehungsspuren.

 

Tja, die gut abgekletterte Verschneidung erweist sich als Sackgasse, also zurück! Immerhin haben wir den Weg entdeckt. Gg. 13.30 Uhr stehen wir auf dem Gipfel des Sgurr Deag! Gleich daneben drohnt The In Pin 😲. 

 

Dieser wird gerade von bestimmt fünf Seilschaften mit und ohne Guide bestürmt. Die vier Kletterer in bunten Hosen, klettern dessen Grat soeben wieder herunter. Die zwei behelmten Bergsteiger bauen hingegen ihre Abseile auf. 

Vor dem Pin warten noch unzählige weitere Munro-Anwärter auf eine Besteigung und das "Schlimmste" ist: Das Teil ist ultraleicht zu beklettern!!! Der Zustieg ist die eigentliche Schwierigkeit ... 

 

Na, da muss ich wohl nochmal her!

 

Die vier Kletterer ziehen sogleich in Richtung Sgurr na Banachdich (... einer geht noch ...) weiter, ein Guide folgt diesen mit seiner Gruppe - an diesem Munro waren wir am Mittwoch im Regen gescheitert. Eine weitere Großgruppe naht. Unzählige Bergsteiger sitzen neben uns und freuen sich über ihre Gipfel, über den Cuillins kreist der Rettungshubschrauber mittlerweile im Dauereinsatz. 

 

Was für ein verrückter Tag! 

 

Wir machen uns langsam an den Abstieg. Tim hat einen Weg über einen Grat und Bergrücken ausgeguckt, der wenig Anstrengung beim Abstieg verspricht. Tatsächlich turnen wir erst 300 Höhenmeter gemütlich über nette Blöcke hinab (Klettersteig B lässt grüßen) - natürlich unmarkiert 😄

Dann schlängelt sich der Weg entspannt ins Tal hinab. Kurz nach 16 Uhr sind wir wieder am Auto. Der Rettungshubschrauber kreist fleißig weiter.

Wenn man genau hinschaut, kann man noch immer Leute auf den Gipfeln entdecken.

 

Wir sind zufrieden und starten in Richtung Torridons - einer Berggruppen auf dem nördlichen Teil des Festlands.